Zum Hauptinhalt springen

Die Jazzgeschichte Dresdens

Die frühen Begegnungen mit Jazz erfolgten in Deutschland vor allem über amerikanische Tanzmusik, die seit den 1920er Jahren in Großstädten und Rundfunksendungen zu hören war. Dresden nahm diesen Trend vergleichsweise früh auf, blieb aber zugleich stark von seiner klassischen Musiktradition geprägt.

Anfänge des Jazz in Dresden

1920er bis 1940er Jahre

In der Zwischenkriegszeit erreichten Foxtrott, Shimmy und erste Jazzplatten aus den USA auch die Musikstadt Dresden. Der Jazz etablierte sich zunächst in Tanzsälen, Varietés und Unterhaltungskapellen und blieb lange ein Randphänomen im Schatten der reichen klassischen Musiktradition der Stadt.
Nach dem Ersten Weltkrieg veränderte sich das musikalische Leben in Deutschland rasant, und Dresden bildete dabei keine Ausnahme. Über Schallplattenimporte, Rundfunkprogramme und reisende Orchester gelangten die neuen amerikanischen Tänze und die frühe Jazzmusik an die Elbe. In den Tanzsälen der Stadt spielte man offiziell „Tanz- und Unterhaltungsmusik“, doch Synkopen, Offbeat-Betonungen und improvisierte Soli zeigten, wie stark sich viele Kapellen an den Vorbildern aus den USA orientierten.
Die Dresdner Musiklandschaft war seit dem 19. Jahrhundert von Oper, Orchestertradition und klassischer Kammermusik geprägt, was dem Jazz zunächst die Rolle einer modischen, teils provokanten Randerscheinung zuwies. Dennoch entwickelte sich in den 1920er und frühen 1930er Jahren eine Szene, in der jazznahe Tanzkapellen, Varieté-Orchester und kleinere Formationen neue Rhythmen und Klangfarben erprobten. Dabei spielte der Rundfunk eine wichtige Rolle, weil er neue Musikstile in die privaten Wohnzimmer brachte und auch in Dresden ein junges Publikum für Jazz und swingende Tanzmusik gewann.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in den 1930er Jahren geriet der Jazz zunehmend unter Druck und wurde als „entartete“ Musik diffamiert. Dennoch blieb er im Untergrund präsent: auf Tonträgern, in privaten Musizierkreisen und in einigen Tanzveranstaltungen, bei denen Jazz-Elemente in ideologisch entschärfter Form weiterlebten. Diese verborgene Kontinuität des Jazzinteresses bildete den stillen Hintergrund für den Neubeginn nach 1945, als viele Musikerinnen und Musiker an Vorerfahrungen anknüpfen konnten, die in der Vorkriegs- und Kriegszeit gesammelt worden waren.

Die frühe DDR-Zeit

1945 bis 1960er Jahre

Nach 1945 entstand die Dresdner Musikszene unter den Bedingungen der frühen DDR neu, und Jazz spielte dabei eine ambivalente Rolle zwischen jugendlicher Begeisterung und kulturpolitischer Skepsis. In dieser Phase wurden mit den Dresdner Tanzsinfonikern und ersten Ausbildungsinitiativen entscheidende Weichen für die spätere Jazzentwicklung gestellt.
Die Zerstörung Dresdens im Februar 1945 traf auch die musikalische Infrastruktur der Stadt schwer, doch bereits kurz nach Kriegsende begann der kulturelle Wiederaufbau. Musiker aus der Vorkriegszeit fanden sich in neuen Formationen zusammen, um Tanz- und Unterhaltungsmusik zu spielen, in der sich immer wieder swingende und jazznahe Elemente bemerkbar machten. In diesem Umfeld wurden noch vor der formellen Gründung der DDR die Dresdner Tanzsinfoniker ins Leben gerufen, die bald eine zentrale Rolle im Musikleben der Stadt übernehmen sollten.
Die Dresdner Tanzsinfoniker gelten als 1946 gegründetes Tanz- und Unterhaltungsorchester und entwickelten sich in den folgenden Jahren zu einem der profiliertesten großen Ensembles dieser Art in der DDR. Nach frühen Jahren unter dem Initiator „Joe Dixie“ (Johannes Drechsler) übernahm 1952 der Pianist und Komponist Günter Hörig die musikalische Leitung und prägte den Klang der Band über Jahrzehnte. Unter seiner Ägide verbanden die Tanzsinfoniker Elemente der populären Tanzmusik mit einem deutlich swingenden, jazzgeprägten Orchesterstil, der dem Ensemble überregionale Anerkennung verschaffte.
Bereits vor seiner Tätigkeit bei den Dresdner Tanzsinfonikern hatte Günter Hörig 1946 als Student in Dresden das „FDJ‑Sextett“ gegründet, ein modernes Amateurensemble, das bis 1948 bestand und als frühe Spielwiese für zeitgemäße Jazz‑ und Unterhaltungsmusik diente. Diese Erfahrungen mit kleiner Besetzung und modernem Repertoire flossen später in seine Arbeit mit den Tanzsinfonikern ein und bildeten eine wichtige Grundlage für die charakteristische Verbindung von orchestraler Klangfülle und jazzorientierter Spielweise.
In der frühen DDR bewegte sich Jazz im Spannungsfeld zwischen politischer Skepsis und wachsender Beliebtheit vor allem bei jungen Menschen. Offiziell bevorzugte die Kulturpolitik eine „volksnahe“ Unterhaltungsmusik, doch gerade Orchester wie die Dresdner Tanzsinfoniker zeigten, wie sich innerhalb dieses Rahmens eine eigenständige ästhetische Form mit deutlicher Nähe zum Jazz entwickeln konnte. Die Band spielte nicht nur bei Tanzveranstaltungen und im Rundfunk, sondern war auch an Konzertabenden beteiligt, bei denen die jazzige Seite des Repertoires stärker in den Vordergrund rückte.
Für die weitere Dresdner Jazzgeschichte besonders bedeutsam wurde die personelle Verbindung zwischen den Tanzsinfonikern und der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“. Günter Hörig, der als Pianist und Bandleader im Orchester wirkte, wurde zu einer Schlüsselfigur der Jazz- und Unterhaltungsmusikausbildung in Dresden und bereitete damit die institutionelle Verankerung des Jazz in der Hochschullandschaft vor. Auf diese Weise wurden die Tanzsinfoniker zu einem Laboratorium, aus dem heraus wichtige Impulse in Richtung einer professionellen Jazzpädagogik entstanden.

Jazz-Ausbildung und Institutionalisierung

1960er bis 1980er Jahre

In den 1960er Jahren setzte eine systematische Institutionalisierung der Jazz- und Unterhaltungsmusik an der Dresdner Musikhochschule ein. Die Gründung der Klasse „Tanz- und Unterhaltungsmusik“ 1962 und ihre Weiterentwicklung zur Fachrichtung Jazz/Rock/Pop machten Dresden zu einem zentralen Ausbildungsort für Jazz in der DDR und darüber hinaus.
1962 wurde an der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ Dresden eine Klasse für Tanz- und Unterhaltungsmusik eingerichtet, die häufig als erste ihrer Art an einer europäischen Musikhochschule bezeichnet wird. Unter maßgeblicher Beteiligung von Frank‑Harald Greß und Günter Hörig entstand damit ein Ausbildungsangebot, das den Bereich der Unterhaltungsmusik und des Jazz ausdrücklich in die akademische Lehre integrierte. Diese Klasse vermittelte instrumentale Fertigkeiten, Arrangement, Ensemblepraxis und stilistische Kenntnisse, die weit über die traditionelle Orchesterausbildung hinausgingen.
In den folgenden Jahren entwickelte sich aus dieser Klasse eine eigenständige Fachrichtung, die zunächst unter der Bezeichnung „Tanz- und Unterhaltungsmusik“ firmierte und später zur Abteilung Jazz/Rock/Pop ausgebaut wurde. Damit war Dresden innerhalb der DDR, aber auch im gesamteuropäischen Kontext ein frühes Zentrum institutionalisierter Jazz- und Popularmusikausbildung. Dozenten wie Günter Hörig, der seine Erfahrungen aus den Dresdner Tanzsinfonikern einbrachte, prägten das Profil dieser Ausbildung ebenso wie spätere Lehrende aus der Jazz- und Rockszene.
Für den Dresdner Jazznachwuchs hatte diese Entwicklung weitreichende Folgen. Studierende erhielten die Möglichkeit, Jazz, Rock und Pop nicht nur autodidaktisch oder in Amateurensembles zu erlernen, sondern in einem strukturierten Studiengang mit klaren Abschlussqualifikationen. Zu den Absolventinnen und Absolventen gehörten im Laufe der Zeit Musikerpersönlichkeiten wie der Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer und der Bassist Jäcki Reznicek, die weit über Dresden hinaus bekannt wurden und die Verbindung zwischen akademischer Ausbildung und professioneller Bühnenpraxis exemplarisch verkörpern.
Parallel dazu entstanden an der Hochschule Bigband- und Ensembleprojekte, die eng mit der lokalen Szene vernetzt waren. Studierende waren in unterschiedlichen Besetzungsformen aktiv und wirkten an einer Vielzahl von Konzertreihen, Auftritten in der Clubszene und speziellen Projektformaten mit, sodass die Jazz/Rock/Pop-Ausbildung nicht nur ein innerhochschulisches Angebot blieb, sondern unmittelbar auf die musikalische Infrastruktur der Stadt einwirkte.

Band- und Festivalkultur

1950er bis 1990er Jahre

Während sich an der Hochschule institutionelle Strukturen bildeten, entwickelten sich in Dresden zugleich prägende Bands und Festivalformate. Traditionsformationen wie die Elb Meadow Ramblers und die Blue Wonder Jazzband sowie das 1971 gegründete Internationale Dixieland Festival verschafften der Stadt ein eigenständiges Profil in der internationalen Jazzlandschaft.
Die Elb Meadow Ramblers wurden Mitte der 1950er Jahre gegründet und gehören damit zu den ältesten noch aktiven Traditional-Jazz-Bands Deutschlands. Die Gruppe orientiert sich stilistisch am klassischen New-Orleans- und Dixieland-Jazz, verbindet dies aber mit einem markanten, sorgfältig arrangierten Bläsersatz, der an den Klang einer kleinen Bigband erinnert. Durch zahlreiche Auftritte in Dresden und bei überregionalen Festivals wurden die Elb Meadow Ramblers zu einem wichtigen Botschafter des Dresdner Jazz, lange bevor der Begriff „Marke“ im Kulturleben üblich wurde.
Die Blue Wonder Jazzband, benannt nach der Elbbrücke „Blaues Wunder“, stärkte dieses Profil seit den 1970er Jahren zusätzlich. Mit ihrem energiegeladenen Dixieland-Stil und einer starken Bühnenpräsenz gewann sie rasch ein großes Publikum in der DDR und später im vereinten Deutschland. 
Beide Formationen stehen exemplarisch für eine Dresdner Tradition, in der Amateur- und Profimusiker eng zusammenarbeiten und in der sich lokale Verwurzelung mit überregionaler Ausstrahlung verbindet.
Ein entscheidender Einschnitt in der Dresdner Jazzgeschichte war 1971 die Gründung des Internationalen Dixieland Festivals. Das erste Festival fand im Kulturpalast statt und wurde maßgeblich von Karlheinz „Dr. Jazz“ Drechsel, Joachim Schlese, Erich Knebel und anderen Jazzenthusiasten initiiert. Rasch entwickelte sich die Veranstaltung zu einem Großereignis mit hunderttausenden Besuchern, das nicht nur Konzerte im Kulturpalast, sondern auch Open-Air-Bühnen, eine Jazzmeile und spätere Höhepunkte wie die Dixieland-Parade und -Dampferfahrten umfasste.
Für Dresdner Bands wie die Elb Meadow Ramblers, die Blue Wonder Jazzband und die Dresdner Tanzsinfoniker bot das Festival eine prominente Bühne. Besonders eindrücklich waren die spontanen Auftritte von Lokalmatadoren vor den Kassen des Kulturpalasts, wo sich jedes Jahr lange Schlangen bildeten und Fans mitunter tagelang anstanden oder sogar campierten, um an Eintrittskarten zu gelangen. Diese „Warteschlangen‑Konzerte“ entwickelten sich ebenso wie Auftritte auf Straßenbühnen zu einem festen Bestandteil der Festivalstimmung und verankerten den Jazz dauerhaft im öffentlichen Raum der Stadt. Zugleich sorgte die kontinuierliche internationale Beteiligung dafür, dass Dresdner Musiker direkten Austausch mit Ensembles aus vielen Ländern pflegen konnten, was sowohl stilistische Impulse als auch langfristige Kooperationen anregte.

Gegenwart

1990er bis heute

Seit der Wiedervereinigung präsentiert sich die Dresdner Jazzszene als dichtes Netz aus Hochschulausbildung, städtischen und freien großen und kleinen Bands, Solisten, Clubs und mehreren Festivals. Neben dem weiterhin prägenden Internationalen Dixieland Festival haben sich die seit 2001 bestehenden Jazztage Dresden zu einem zweiten überregional sichtbaren Schwerpunkt entwickelt.
Nach 1990 mussten sich viele etablierte Strukturen der DDR-Kulturwelt in einem veränderten Förder- und Veranstaltungsumfeld neu positionieren. Das Internationale Dixieland Festival behauptete sich weiterhin als traditionsreiches Großereignis und öffnete sich noch stärker für internationale Gäste sowie vielfältige Spielstätten im gesamten Stadtgebiet. Gleichzeitig gewann die an der Hochschule verankerte Jazz/Rock/Pop-Ausbildung an Attraktivität, da sie nun in einem gesamtdeutschen und europäischen Kontext wahrgenommen wurde.
Im Jahr 2001 wurden die Jazztage Dresden gegründet, zunächst als regionale Initiative, die sich rasch zu einem der größten Jazzfestivals in Deutschland entwickelte. Das Festival setzt bewusst auf stilistische Vielfalt, vom traditionellen Jazz über Modern Jazz bis zu Crossover-Projekten, und nutzt eine große Bandbreite von Spielstätten in der Stadt.
Die Ausbildung an der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ und an den städtischen Musikschulen bildet heute das Rückgrat des Dresdner Jazznachwuchses. In der Fachrichtung Jazz/Rock/Pop unterrichten neben langjährig etablierten Dozenten auch profilierte Musikerpersönlichkeiten, die selbst auf internationalen Bühnen aktiv sind, und geben ihre Erfahrungen an jüngere Generationen weiter. Viele Absolventinnen und Absolventen spielen in regionalen und überregionalen Bands, in Theater- und Rundfunkorchestern oder sind als Lehrkräfte in Musikschulen tätig, wodurch sich ein dichtes Netz an Jazzkompetenz in der Region etabliert hat.
Dresden verfügt heute über mehrere Bigbands und große Ensembles, darunter Hochschulbigbands, freie Projekte und semiprofessionelle Formationen, die regelmäßig in der Stadt und darüber hinaus auftreten. Sie knüpfen einerseits an die Tradition der Dresdner Tanzsinfoniker an und sind andererseits stark von modernen Jazz- und Fusion-Strömungen beeinflusst. Die nachwachsende Generation von Musikerinnen und Musikern findet in Clubs, Festivals, Hochschulprojekten und Musikschulen zahlreiche Möglichkeiten, eigene Ideen umzusetzen und damit das Profil der Jazzstadt Dresden kontinuierlich weiterzuentwickeln.